Das Alibibuch in der Bibliothek

Bibliothek, Dekonstruktion

Bibliotheken brüsten sich (zurzeit) gerne damit, öffentliche Orte ohne Konsumzwang zu sein, die allen Gesellschaftsschichten offen stünden, und versuchen sich so von Orten wie Starbucks* abzugrenzen, die (auch) freies WLAN anbieten und gerne als Arbeitsorte angenommen werden.

Aber besteht wirklich kein Konsumzwang in Bibliotheken?

Die Bibliotheken der Wayne State University in Detroit sind, anders als die meisten amerikanischen Universitätsbibliotheken, nicht nur den Studierenden, sondern allen öffentlich zugänglich.

Immer wieder (besonders zwischen November und März, wo die Temperaturen schon mal auf -35° C fallen und der Schnee auf 1,5 m steigt)  beobachte ich in den hiesigen Campus-Bibliotheken Menschen, dem Augenschein nach arbeits- und/oder obdachlos, die einen Stapel Bücher oder ein einzelnes Buch neben sich auf dem Tisch oder auf dem Sofa liegen haben. Während sie schlafen oder in der Gegend herumschauen, bleibt das Buch unangetastet.

Andere Besucher der Bibliothek, dem Augenschein nach nicht arbeits- oder obdachlos, haben auch Bücher neben sich liegen, während sie auf ihr Smartphone oder ihren Laptop schauen, Videos gucken oder sonstwie die Zeit verbringen. Auch sie würdigen den Büchern, die sie gerade noch aus den Regalen gezogen haben, keines Blickes.

Auf der anderen Straßenseite liegt die Hauptbibliothek der Detroit Public Library. In ihr bietet sich das gleiche Bild. Diese Szenerie (wenn man die Temperaturen und die Schneemassen ignoriert) lässt sich ebenso auch in deutschen Universitäts- und öffentlichen Bibliotheken beobachten, allzumal wenn sie in größeren Städten sind. Personen, die Bibliotheken aufsuchen, nicht wegen des bereitgestellten Medienangebotes, nicht wegen des anwesenden bibliothekarisch qualifizierten Personals, sondern weil die Bibliothek ein warmer, trockener Raum ist oder weil sie dort WLAN haben.

Zahlreiche Menschen (die sich in Bibliotheken latent fremd fühlen?) scheinen den Eindruck zu haben, sie bedürften eines Alibibuches, um ein Bleiberecht in der Bibliothek zu haben.

Gefühlt scheint es wohl doch einen Konsumzwang in Bibliotheken zu geben.  Das wirft die Frage auf, wie wir Bibliothekar_inn_e_n diese subjektive Erwartungshaltung berichtigen und offensiv kommunizieren können, dass niemand in einer Bibliothek ein Alibibuch benötigt?

Was, aber dann, machen wir, wenn alle Plätze, oder auch nur die attraktiveren, von Menschen ohne (physische oder virtuelle) Bücher belegt sind, von Nutzer_inne_n, die keine spezifisch bibliothekarischen Dienstleistungen in Anspruch nehmen, sondern einfach nur da sein wollen (aus welchen Gründen auch immer), und wir deshalb die Personen, die mit Büchern in der Bibliothek arbeiten wollen, nicht mehr hinein lassen können?

Setzen wir dann doch einen Konsumzwang durch?


*) Ob der an die Wand gemalte Konsumzwang bei Starbucks dagegen existiert, lässt sich in Zweifel ziehen: “Der Starbucks lässt dich 8 Stunden in Ruh!” (Désirée Bender, Mobile Arbeitsplätze als kreative Räume: Coworking Spaces, Cafés und andere urbane Arbeitsorte, Bielefeld: transcript, 2013, 93ff.)

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