Serendipity in Bibliotheken?

Bücher, Forschung

Dem “Zufallsfund” in Bibliotheken (zur Abgrenzung von Serendipity gegenüber Zufallsfund u. dgl. vgl. den englischen Wikipedia-Artikel) wird oftmals, v.a. von NichtbibliothekarInnen, hohe Wertschätzung entgegengebracht.

Im letzten Blogpost (Small Libraries as a Mind Palace) hatte ich ein Zitat aus Daniel J. Levitins Buch The Organized Mind zum Anlass genommen, darüber nachzudenken, wie der Serendipity-Effekt im Nebeneinander von analogen und digitalen Medien emuliert werden könnte.

Nun ist in der September-Ausgabe von C&RL ein vorzüglicher Aufsatz von Patrick L. Carr erschienen, in dem er den Serendipity-Effekt auf seine Implikationen hinsichtlich der information architecture aufarbeitet.

Ausgehend von den positiven Attributionen sowie der Einschätzung durch Forschende, dass der (digitale) Medienwandel und die Magazinierung von Printbeständen den Forschungsprozess behindere, und in Auseinandersetzung mit der (informationswissenschaftlichen) Forschung formuliert er Serendipity in the Stacks as a problem:

“[…] serendipity as a sign that certain intended library functionalities may not be effectively meeting users’ needs.” (p. 832)

Carr geht m.E. allerdings von einem zu engen und negativen Serendiptiy-Begriff aus (“Serendipitous discoveries [..] are a misalignment of intention and outcome.” p. 837). Er berücksichtigt zu wenig, dass ein Zufallsfund idR nicht das ursprünglich Gesuchte ersetzt (zumal im wissenschaftlichen Kontext), sondern ergänzt — und damit eher einem Mandelbrot-Fraktal ähnelt. Ausgehend von einem bekannten Informationspunkt werden neue Informationspunkte erschlossen (die durch das individuelle Forschungsinteresse und aktuelle Forschungsverhalten miteinander verbunden sind).

Andererseits weist er zurecht darauf hin (unter Bezug auf eine Studie von McBirnie), dass ein als zufällig erlebter Fund durchaus das Resultat eines (unbewussten) zielgerichteten Suchprozesses sein kann (“an instance of discovery may be experienced as serendipity even if, from a process-based standpoint, it is intentional”, p. 837).

Auf Carrs grundlegender Analyse des Discovery-Problems können BibliothekarInnen aufbauen, um Lösungen zu erarbeiten, damit NutzerInnen auch in printlosen bzw. -reduzierten Bibliotheken noch Literatur — sowohl intentional als auch serendipitiös — finden.

Patrick L. Carr, “Serendipity in the Stacks: Libraries, Information Architecture, and the Problems of Accidental Discovery,” College & Research Libraries 76, no. 6 (2015): 831-842, doi:10.5860/crl.76.6.831 (open access)

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One thought on “Serendipity in Bibliotheken?

  1. Danke für diesen Beitrag. Spannend könnte in diesem Zusammenhang ein Forschungsprojekt in NRW sein. Der “Quellentaucher” beschäftigt sich mit der Möglichkeit virtuellen und physischen Bestand sichtbarer zu machen. Das Projekt wurde von einer Gruppe unter Leitung der Fachstelle für Öffentliche Bibliotheken NRW (zu der ich gehöre) initiiert und wird von der Arbeitsgruppe Mensch-Computer-Interaktion der Universität Konstanz und der Stadtbibliothek Köln umgesetzt.

    Ein Element des Quellentauchers, die Expedition, beschäftigt sich mit dem Serendipity-Effekt. In diesem YouTube-Video wird die Funktion beschrieben: https://youtu.be/H9adDld22HE

    mehr Informationen zum Projekt findet man unter: https://oebib.wordpress.com/tag/quellentaucher/

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