Bibliothek, Praxis — und Forschung?

Forschung

In den letzten 12 Monaten habe ich (gefühlt) jedes halbwegs ernstzunehmende Buch über Schwangerschaft und Babys erstes Jahr gelesen, das auf dem deutschen und US-amerikanischen Markt zu haben ist. Dabei ist mir zweierlei aufgefallen — und zumindest einer der Punkte ist auch für bibliothekarische Praxis meiner Meinung nach relevant.

1. Schwangerschafts- und Babybücher gehören zur wohl sexistischsten Literaturgattung, die mir bislang untergekommen ist — dagegen sind Bikers News und Men’s Health geradezu genderpolitische Wohltaten. (Aber heute soll es nicht um Gendermainstreaming, Diversity und Codes of Conduct in Bibliotheken gehen.)

2. Jede der Autorinnen meint begründet zu wissen, wovon sie schreibt, gibt in der Regel jedoch einzig ihre Privatmeinung bzw. die von ihr geübte Praxis wider. In fast jedem relevanten Punkt der Literatur widerspricht ein Buch dem andern oder eine kulturelle Tradition der anderen: In Deutschland z.B. werden Babyaugen immer von außen nach innen ausgewischt (“Niemals von innen nach außen!“), in Amerika immer von innen nach außen. Und selbst in den Punkten, in denen die Bücher übereinstimmen, erfährt dieses tradierte (Hebammen)Wissen oftmals keine Bestätigung durch wissenschaftliche Forschung.

Mein Favorit ist die (gegenwärtige) Lehrmeinung “Breast is Best!” Muttermilch sei die beste Nahrung für das Baby. Es gibt zwar einige Untersuchungen dazu, aber keine Studie konnte valide nachweisen, dass es Unterschiede gibt zwischen mit Muttermilch oder mit Ersatzmilch genährten Babies (Emily Oster: Everybody Calm Down About Breastfeeding).

Solch (vermeintliches) Wissen (von vermeintlichen Experten), das auf angeblichem Sachverstand beruht, gibt es auch zuhauf in bibliothekarischer Fachliteratur.

Echte Forschung dagegen findet sich eher selten in unseren Journalen, seien sie OA oder (qualitätsgesicherte) Verlagspublikationen.

Von ABI Technik, über Bibliothek. Forschung und Praxis, bis zu ZfBB bleibt das Bild, das sich den Aufsätzen entnehmen lässt, konsistent: Es werden zu häufig Praxisberichte geliefert, forschungsbasierte Aufsätze (solche mit Problembeschreibung, These, Literatur-, Methodendiskussion, Ergebnisdarstellung, Diskussion und Interpretation) sind eine rühmliche Ausnahme.

In Deutschland vermisse ich eine bibliothekarische Fachkommunikation und Publikationskultur, die auf nachvollziehbaren Diskursen und Forschungen basiert. Gewissermaßen eine evidenzbasierte Bibliothekskultur, keine ’eminenz’basierte.

Auch ist eine Verbandspolitik, die die Weiterentwicklung der bibliothekarischen Fachkommunikation und Publikationskultur fördert, vonnöten. Welche Forschungsstipendien an Bibliothekspraktiker vergeben VDB, BIB, DBV? Welche Publikationsstipendien vergeben die Verbände? Welche jeweils aktuellen Themen wurden und werden durch von den Verbänden initiierte Publikationen in den Fachdiskurs eingebracht? Die Publikationslisten der ALA zu Themen Information Literacy, Design Thinking, Story Telling, Library Advocacy, Maker Spaces, Bibliometrics, Dataanalytics etc. pp. sind beeindruckend. In Deutschland findet sich kaum etwas dazu.

Wir haben im Bibliothekswesen in Deutschland ein systemisches Problem. Eine Kritik der bibliothekarischen Urteilskraft ist ein schmerzliches Desiderat. Und keine noch so wohlklingende Imagekampagne kann dem abhelfen und Bibliotheken fit für die Zukunft machen.

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