Bibliotheken und Armutsbekämpfung

Advocacy, Dekonstruktion, Forschung

Die Behauptung wird immer wieder aufs neue aufgestellt, so auch in der aktuellen Presseerklärung des DBV: Bibliotheken unterstützen Armutsüberwindung durch die kostenfreie Bereitstellung von Informationen.

Allein, tun sie das wirklich?  Oder ist das reine Ideologie, unter anderem getrieben von dem Bestreben, der Öffentlichkeit (wer ist das?) zu vermitteln, dass Bibliotheken unhintergehbare Instanzen — wenn nicht sogar Garanten — einer gerechten Gesellschaft sind?

Die hinter der Formulierung “unterstützen Armutsüberwindung durch freien Zugang zu Informationen und Bildung” stehende eschatologische Pathetik bereitet mir Bauchschmerzen. Die (im Kern neoliberale) Rede, dass mit Bildung und Informationen Armut —  auf individueller Ebene — zu überwinden sei, blendet systemische Ursachen von Armut aus.

Aber wer braucht schon Realismus, wenn es um das hehre Ziel geht, die gesellschaftliche Bedeutung von Bibliotheken zu propagieren?

Dennoch bleibt die Frage offen im Raum, auf welcher Grundlage diese Behauptung aufgestellt wird? Zahlen liefert die Presseerklärung nicht, es gibt keinen Verweis auf eine Studie. Aber vielleicht wurden in der Podiumsdiskussion auf dem Nürnberger Bibliothekartag dazu mehr Daten geliefert? Gibt es (etwa) (Langzeit)Studien, wie der kleine Oliver Twist, die junge Fanny Price und Peachums Gefolge dank regelmäßiger Bibliotheksbesuche und des eifrigen Medienkonsums informationskompetent aus der Armut heraufsteigen konnten in die hehre bürgerliche Mittelschicht?

Um solche Aussagen qualifiziert treffen zu können, bedarf es mehr als Wunschdenken. Es bedarf einer validen Sozialforschung, es bedarf einer Wirkungsforschung. (Hinweise auf solche Forschung liebend gerne in den Kommentaren hinterlassen!)

Ansonsten disqualifizieren sich Bibliothekare und Bibliothekarinnen als ernstzunehmende Gesprächspartner_innen und beschädigen damit die Sache der Bibliothek.

(Aber das mit der Forschung von Bibliothekspraktikern ist ja so eine Sache…)

Da sei zur Lektüre empfohlen:

Fabian Kessel u.a. (Hg.): Erziehung zur Armut?: Soziale Arbeit und die ‘neue Unterschicht’, 2007

Wolfgang Kaiser, Karsten Schuldt: “Hat die Öffentliche Bibliothek einen sozialen Auftrag und wenn ja, welchen? Ein Dialog”. LIBREAS. Library Ideas, 19 (2011). http://libreas.eu/ausgabe19/texte/06kaiser_schuldt.htm

Das Featured Image ist eine Illustration von James Mahoney (1810-1879) zu Oliver Twist (via Wikimedia Commons).

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