Lesen jenseits von (tl;dr) und [ESC]

Bücher

In den letzten Monaten habe ich viel gelesen. Vielleicht zu viel. Vielleicht nicht immer das Richtige.

Warum überhaupt lesend Zeit verbringen?

Hornby_TubEines der Bücher ist Nick Hornby’s Ten Years in the Tub (die ersten 200 Seiten sind aus seinem Complete Polysyllabic Spree entnommen). Der Untertitel A Decade Soaking in Great Books zeigt es an, hier schreib Hornby über sein Leben als Leser und katalogisiert Monat für Monat die Bücher, die er gekauft und die er gelesen hat (zumeist decken sich beide Listen nicht).

Das Lesen über das Lesen hat mich über meine eigenen Lektüregewohnheiten und über den Sinn des Lesens (wie ich ihn verstehe, oder: verstehen möchte) nachdenken gemacht.

Lesen kann etwas wundervolles sein. Eine Liebeserklärung an das Lesen hat z.B. Allain de Botton in dem Kurzfilm “What is Literature for?” abgegeben:

Aber Lesen ist nicht immer so unschuldig, wie es der Film (und die Wahrnehmung im Berufsstand eines Bibliothekars) nahelegen. Terry Eagleton hat sich in seinem How to Read Literature kritisch mit einigen Lesekonventionen auseinandergesetzt. Bezüglich des Topos, durch das Lesen mit anderen Welten, mit anderen Erfahrungen in Kontakt zu kommen, konstatiert er:

“Acts of imagination are not precious in themselves.”

Es kommt darauf an, ‘zu welchem Behufe’ man zum Buch greift. Also, warum lesen wir? Und was haben Bücher damit zu tun?

Um es kurz zu sagen (tl;dr):

Sinn und Zweck von Büchern ist nicht das Lesen.

Bücher sind (hier werde ich ontologisch, wenn ich versuche, das Wesen des Buches zu fassen) ein Zwie-gespräch, eine Begegnung zwischen einem Ich und einem Du.

Die Autorin externalisiert ihr Ich und macht es zu einem Du. Aus dem selbstreferentiellen, z.T. vorsprachlichen “Ums-eigene-Ich-Kreisen” wird durch das Schreiben, durch die Verbalobjektivierung ein Du geschaffen, das zwar nicht unabhängig vom Ich ist, aber doch ein Eigenleben gewinnt, das offen ist für neue, von der Autorin nicht intendierte Lesarten und von diesen unabhängige Rezeptionsprozesse — sowohl bei einer späteren “Selbstlektüre” durch die Nun-Leserin_vormals-Autorin als auch im Falle einer Veröffentlichung durch andere, neue Leser (Plato reflektierte schon über diese prinzipielle Unabgeschlossenheit des Geschriebenen in der sog. Schriftkritik im Phaidros und im 7. Brief).

Der Leser! Denn um den geht es hier ja eigentlich. Im Buch begegnet das Ich des Lesers dem Du der Autorin (als literarischer Strategie, nicht als historischer Person). Aber ebenso wie die Begegnung eines Ich mit einem Du nicht allein durch verbale Kommunikation, durch das Gespräch konstituiert wird — man denke nur an die tiefe Nähe, die auch im wortlosen Miteinander zweier Menschen möglich wird –, so erfolgt auch die Rezeption eines Buches, diese medial vermittelte Ich-Du-Beziehung, nicht allein durch das Lesen. Die Begegnung, das Gespräch kann auch durch die reine Präsenz des Buches im Leben des Lesers hervorgerufen werden. (Die besten Gedanken kommen manchmal durch die, z.B. durch den Titel oder das Cover evozierte, Imagination des Inhaltes. Und gelegentlich sind diese Gedanke auch gehaltvoller als das im Buch Geschriebene.)

Voraussetzung ist freilich, dass eine Begegnung zwischen Ich und Du stattfindet. Diese Erfahrung der Begegnung wird allerdings ständig von zwei Seiten bedroht. Um beiden Gefahren auszuweichen, bedarf es eines erfahrenen Navigators, der um Skylla und Charybdis weiß.

Zum einen besteht die Gefahr, dass die Begegnung in der Logorrhoe des Lesers untergeht, wenn er nicht die Andersheit des Gegenübers annimmt, sondern ihn als reine Projektionsfläche des Ich missbraucht. Diese Gefahr droht besonders dann, wenn die Begegnung durch eine lektürefreie Präsenz des Buches stattfindet oder wenn der Leser das Buch in der Geisteshaltung der Selbstvergewisserung liest. Das Du wird durch das Ich vereinnahmt und verschwindet in ihm.

Zum anderen droht die Gefahr, dass die Begegnung in der Logorrhoe des Buches untergeht, wenn der Leser nicht seine eigene Andersheit annimmt. Dieser Leser gleicht einem Heroinabhängigen, der, die eine Nadel noch nicht ganz gespritzt, schon unruhig die nächste ersehnt. Der Vielleser, der ein Buch nach dem nächsten verschlingt, die Worte der Autorinnen aufsaugend, dabei aber die eigene Stimme zum Schweigen bringt, entzieht sich dem Dialog.

Kommunikation statthaben zu lassen, ist echte Beziehungsarbeit. Lesen ist keine leichte Angelegenheit. Lesen erfordert ungeteilte Aufmerksamkeit und Achtsamkeit.

Weder Lesen noch Nicht-Lesen wird Büchern gerecht. Bücher sind auf einen Dialog angelegt, der das Fremde und das Eigene zusammenzubringen vermag. Alles andere gehört in den Bereich der Adiaphora.

Sich zu rühmen, eine große Bibliothek zu haben (sei es privat, sei es als öffentliche Einrichtung), geht am Wesen des Buches vorbei.

Sich zu rühmen, viele Bücher gelesen oder (auch als Bibliothek) ausgeliehen zu haben, geht am Wesen des Buches vorbei.

Sich zu rühmen, Vertreter der Slow Reading/Book-Bewegung zu sein und immer nur ein Buch auf einmal zu lesen, geht am Wesen des Buches vorbei.

Die einzig relevante Frage ist: Wurde durch die Lektüre ein Gespräch mit dem Anderen ermöglicht, durch das Du des Anderen das Ich ermöglicht?

Dann macht Lesen Sinn. Sonst ist es Zeitverschwendung.

In den letzten Monaten habe ich viel gelesen. Vielleicht zu viel.
Vielleicht nicht immer das Richtige. Aber mit Sicherheit habe ich viel Zeit verschwendet beim gedankenlosen Spielen mit Skylla und Charybdis.

Gelesene Bücher:

  • Nick Hornby: The Complete Polysyllabic Spree
  • Nick Hornby: Ten Years in the Tub
  • Terry Eagleton: How to Read Literature
  • Plato: Phaidros
  • Plato: 7. Brief

Regalbücher:

  • Martin Buber: Ich und Du
  • Emmanuel Levinas: Zwischen uns. Versuche über das Denken an den Anderen
  • Meagan Lacy: The Slow Book Revolution. Creating a New Culture of Reading on College Campuses and Beyond
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