Bibliotheken im Kampf um Aufmerksamkeit

Books, library service, Marketing

Ach, Sie arbeiten in der Bibliothek?

Wer kennt das nicht? Wenn man sich als BibliothekarIn outet, wird man sogleich mit sämtlichen Clichés konfrontiert:

  • Braucht man überhaupt noch Bibliotheken, wo doch jetzt alles bei Google (und Amazon) zu finden ist?
  • Sie lesen wohl gerne?
  • Man muss studieren, um Bücher ins Regal zu stellen?
  • usw.

Ebenso regelmäßig kann man von BibliothekarInnen lesen, die angesichts dieser dauernden Stereotypisierung wenn nicht genervt, dann doch zumindest unverständig sind, wieso Bibliothekarinnen auch im 21. Jahrhundert noch immer als die buchschiebenden Duttträgerinnen des 19. Jahrhunderts und Bibliotheken als Buchspeicher vorgestellt werden (z.B. Ellyssa Kroski: 7 Things Librarians Are Tired of Hearing).

Imagekampagne für Bibliotheken

Bibliotheken und BibliothekarInnen scheinen hier noch immer – trotz diverser Imagekampagnen (oder hier) – ein gewisses Kommunikationsproblem zu haben. Das ist in Deutschland nicht anders als in den USA.

In Deutschland startet im Oktober mit ‘Netzwerk Bibliothek‘, der Fortführung von ‘Treffpunkt Bibliothek’, eine neue Imagekampagne:

“Ziel von ‘Netzwerk Bibliothek’ ist es, die bestehenden digitalen Angebote und Bildungsprojekte der Bibliotheken einer breiten Öffentlichkeit noch sichtbarer zu machen.”

Courtney L. Young, Präsidentin der American Library Association, hat in ihrer President’s Message (Advocate. Today) das Thema der Library Advocacy als ‘core responsibility’ von uns BibliothekarInnen bezeichnet und fordert jede Bibliothekarin, jeden Bibliothekar auf, jenseits von offiziellen Bibliothekskampagnen wöchentlich eine Stunde die Sache der Bibliothek nach außen zu tragen:

“Advocacy is taking every opportunity to speak at your local Rotary Club, church, PTA, AAUW, or any of a hundred other organizations, to tell the story of how crucial libraries are in the 21st century.”

In beiden Ansätzen geht es darum, die Bibliothek nach außen darzustellen, für die Sache der Bibliothek (die wir schon, gewissermaßen: griffbereit in der Tasche haben) zu werben. Wir wissen, weshalb Bibliotheken wichtig sind. Wir wissen, welche Dienstleistungen wir anbieten. Wir wissen, welchen Mehrwert Bibliotheken für Kommunen, für Schulen, für Universitäten, für das Gemeinwesen wie für die Kulturlandschaft haben.

Wir müssten nur verständlich machen, welchen Mehrwert Bibliotheken schaffen, welche Leistungen Bibliotheken anbieten, wieso Bibliotheken wichtig sind – und dies offensiv zu kommunizieren, v.a. gegenüber politischen EntscheidungsträgerInnen.

Damit konkurrieren wir jedoch mit unzähligen anderen um die Aufmerksamkeit: mit Hebammen, Lokführern, Pilotinnen, Heimatvereinen, Sportvereinen, Museen, Theatern, Opern, Kindergärten, Schulen, Hochschulen, Volkshochschulen, Zeitungen, Ärzte ohne Grenzen, DRK, Asylbewerbern, Arbeitslosen, Politikerinnen, StartUps, Mittelstand, Ruhrkohle AG, ADAC, ADFC, Denkmalschutz, Naturschutz, Tierschutz, dem freien Internet, Wikipedia, usw. usf.

Sie alle, inklusive Bibliotheken, sind davon überzeugt, dass die eigene Sache wichtig ist, z.T. vielleicht wichtiger als alles andere, und dass man deshalb die anderen für das eigene Thema interessieren und von der Wichtigkeit überzeugen muss.

Es geht aber auch anders.

Bibliotheken brauchen Freunde

In Dale Carnegies 1936 erschienenem Buch “How to Win Friends and Influence People“, ein Buch, das zwar einen seltsam anmutenden Titel trägt, nichtsdestoweniger aber gerade in den USA noch immer zu den Kommunikationsklassikern gehört, findet sich folgender Gedanke:

“Wer sich für andere interessiert, gewinnt in zwei Monaten mehr Freunde als jemand, der immer nur versucht, die andern für sich zu interessieren, in zwei Jahren.”

Dale Carnegie rät hier (avant la lettre), sich nicht auf die Spielregeln der Aufmerksamkeitsökonomie einzulassen, nicht zu versuchen, das knappe Gut Aufmerksamkeit von anderen durch Werbe- und Imagemaßnahmen zu erlangen, sondern die eigene Aufmerksamkeit zu verschenken.

Die vornehmste Aufgabe, die BibliothekarInnen haben, ist nicht, Bücher zu katalogisieren, Informationskompetenzveranstaltungen durchzuführen oder Maker Spaces einzurichten. Die wichtigste Aufgabe von BibliothekarInnen ist es, für Bibliotheken Freunde zu finden.

Nicht, indem wir versuchen, andere von uns zu überzeugen, sondern indem wir uns für unsere Nutzer und Nichtnutzerinnen interessieren. Indem wir herausfinden, was für sie wichtig ist, welche Probleme sie haben, vor welchen Aufgaben sie stehen – und daraufhin Bibliotheksarbeit auszurichten. Das ist eine nachhaltigere Werbung für Bibliotheken und BibliothekarInnen, als auf das Kulturgut “Buch” hinzuweisen, auf die Bibliothek als Ort, an dem Menschen aus unterschiedlichen Kulturen und soziale Schichten zusammenkommen.º)

In diese Richtung geht auch Young in einem ihrer Punkte:

“Advocacy is actively engaging with your community: by helping community members to realize their aspirations while creating a more essential library and a stronger community.”

Niemand muss von der Wichtigkeit einer Einrichtung überzeugt werden, die hilft, Probleme, die man selber hat, zu lösen.

 


º) Das tun sie auch im Fußballstadium und “bei Aldi vorm Regal“.

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4 thoughts on “Bibliotheken im Kampf um Aufmerksamkeit

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