Amazon Unlimited

Books, library service

Auf die Gefahr hin, wieder zu sehr in die Rolle des Amazon Fanboys zu verfallen, zwei Gedanken*) warum Kindle Unlimited um ein vielfaches interessanter ist als die elektronischen Angebote von Bibliotheken — sowohl für Autorinnen und Verlage als auch für Leser.

1. Elektronische Medien und Bibliotheken

(1) Autor_inn_en und Verlage bekommen für jedes zu einem gewissen Prozentsatz gelesene Buch (fast) den kompletten Kaufpreis. Bei besonderen Titeln wie den Harry Potter-Bänden bezahlt Amazon schon, sobald das Buch nur (elektronisch) “aufgeschlagen” wurde. Müssten Bibliotheken für jede Ausleihe den kompletten Kaufpreis (ggfs. vermittelt durch die VG Wort) an die Verlage (und an die Autoren) entrichten, könnten sich Kommunen und Universitäten solche Angebote wie die Onleihe oder Paketlizensierungen in UBs nicht mehr leisten.

Soweit ich weiß, werden die Autorinnen bei diesen Modellen nicht nach der Rezeption ihrer Werke vergütet. Für sie wäre es also um ein vielfaches attraktiver, wenn ihre Verlage nicht mehr die bisherigen Bibliotheksangebote offerieren würden, sondern via Amazon die Titel zugänglich machten. Gleiches gilt für die Verlage. Hier können Bibliotheken schlicht nichts machen. Mit Blick auf die Leser und Leserinnen hingegen könnten Bibliotheken ihre Dienste sehr wohl noch verbessern — wenn die Verlage mitspielten.

(2) Für die Leser ist Kindle Unlimited komfortabler, da sie ohne Aufwand auf die Lese- und Hörbücher auf ihrem Kindle, ihrem Smartphone, ihrem Tablet und ihrem Rechner zugreifen können — dank WhisperSync (meistens) auch ohne lästiges Suchen nach der zuletzt gelesenen Stelle. Diese Gerätevariabilität ist für die Bereitstellung elektronischer Medien durch Bibliotheken noch ferne Zukunftsmusik.

Kindle Unlimited ist für LeserInnen nachhaltiger, da die von ihnen ausgeliehenen und ggfs kommentierten Titel nicht nach 14 Tagen nicht mehr aufrufbar und alle eingefügten Kommentare im Nirvana verschwunden sind, wenn man sie nicht rechtzeitig als Screenshot (sic!) gesichert hat. Zumindest die von der Onleihe beworbene bluefire-reader-App verfügt über keine Exportfunktion. Aber vielleicht gibt es ja Apps, die hier besser geeignet wären? (Die mangelnde Nachhaltigkeit gilt natürlich nicht für die ohne DRM bereitgestellten PDFs (wissenschaftlicher) “eBooks” aus den Springer- usw. Paketen.)

Kindle Unlimited ist attraktiver, da mit 600.000 Titeln weit mehr Auswahl zur Verfügung steht, als die Onleihe mit ca. 160.000 Titeln anbieten kann. (Wieder: Das gilt nicht für den wissenschaftlichen Bibliotheksbereich.)

2. Bibliotheken, Printbücher und der ganze Rest

Anders sieht es natürlich für Printpublikationen aus. Da offerieren Bibliotheken (noch) das attraktivere Angebot für Leser. Wenn Amazon jedoch weiter in das Ausleihmodell einsteigt und von Netflix nicht nur das Streamen, sondern auch die Flatrate-Ausleihe von physischen Medien (Netflix leiht auch DVDs und BlueRays aus!) adaptiert, dann sieht es nocheinmal anders aus für Bibliotheken.

Dann müssen sie schon sehr gut argumentieren, welche über die Medienbereitstellung hinausgehenden Serviceleistungen sie erbringen, die nur sie erbringen können. Kulturveranstaltungen rund ums Buch, regelmäßige (kostenfreie) Storytime-Aktionen, Lesezirkel für Jugendliche, Gaming-Events, Writerworkshops (Publikationsberatung) etc. bieten auch Buchhandlungen an.

Bibliotheken sollten sich jetzt jedenfalls nicht damit begnügen, auf Defizite von Kindle Unlimited hinzuweisen.

[tweet https://twitter.com/librarythingtim/status/490538155175837696]

Sie sollten sich auch nicht damit beruhigen, dass sie noch viel mehr tun als nur Bücher zu verleihen. BibliothekarInnen werden nicht müde, dies zu betonen. Allein, die Message kommt nicht so recht bei unseren Zielgruppen an. Bücher sind nach wie vor das Markenzeichen von Bibliotheken (wie der OCLC-Report dargelegt hat), mit dem sie identifiziert werden, an dem sie gemessen werden.

Statt in apologetische Reflexe zu verfallen, ist es an den Bibliotheken, Dienstleistungen zu entwickeln bzw. zu verstärken, die von ihren NutzerInnen gebraucht werden. Wenn Bibliotheken echte Probleme lösen, die Menschen haben, dann generieren sie einen Mehrwert, der sie auch in der Öffentlichkeit und bei den Entscheidungsträgerinnen als eine unhintergehbare Instanz qualifiziert. Selbst wenn Kindle Unlimited irgendwann zu Amazon Unlimited ausgeweitet wird.

 


 

*) (Eigentlich sollte dies ein Antwortkommentar zu den Comments zu Bibliotheken in Zeiten von Kindle Unlimited werden. Da meine Antwort aber etwas zu lang geraten ist, ist sie zum eigenen Post geworden. Sorry!)

Advertisements

One thought on “Amazon Unlimited

  1. Man muß nicht über jedes Stöckchen springen, das einem hingehalten wird – vor allem wenn es wie im Forbes-Artikel eine “mischievous suggestion” ist. Einfache Lösungen, vor allem wenn sie in Outsourcing oder auch Public-Private-Partnerships bestehen, werden recht schnell komplex und teuer, wenn sie dann mal produktiv gehen sollen. BTST und YMMV.

    Dies soll keineswegs heißen, daß Bibliotheken nicht immer wieder neu darüber nachdenken sollen, wie sie ihrem Auftrag (der häufig nicht wirklich konkret definiert ist) gerecht werden können. Der Auftrag besteht auf jeden Fall nicht nur darin, ihre aktuellen Nutzer glücklich zu machen, sondern auch nachhaltig zu handeln.

    Was Bibliotheken sich aber leisten sollten: Gelassenheit und Sich-Zeit-Nehmen zum Abwarten, denn Sprinten können sie nicht, Marathon schon eher.

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s