Digitalisierung! — Aber wozu?

Bücher, Nutzung

Weshalb und wozu, oder anders gefragt: für wen digitalisieren Bibliotheken gemeinfrei gewordene Literatur aus ihren Magazinen?

In den Twitter- und Kommentarreaktionen zum Golem-Post wurde u.a. darauf hingewiesen, dass Bibliotheken ihren Altbestand nicht zum Zweck des ‘Lesens’ digitalisieren, sondern zu den ‘höheren’ Zwecken der  Bestandserhaltung (Schonung des Originals) und der Forschung.

Dagegen ist die epub-lisierung als Nebensächliches zu sehen, das andere (aber nicht die Bibliotheken) angehen können.

Nennt mich “old school”. Aber mein primäres Interesse an Texten wird vom semantischen Gehalt genährt. Wenn ich Texte rezipiere, will ich vor allem eines: sie lesen (dabei ist es mir einerlei, ob es sich um Romane wie etwa den Golem handelt oder wissenschaftliche Fachliteratur wie Harnacks Marcion).

Nennt mich aufgrund dieser Wortfixierung “Platoniker”. Aber mein Leitspruch, wenn ich mich Kulturerzeugnissen jeglicher Art zuwende, ist das Loblied auf die Wortheit, das Platon seinen Sokrates im Phaidon singen lässt: ‘Es schien mir nämlich notwendig zu sein, zu den Worten flüchtend in ihnen die Wahrheit des Seienden zu suchen’ (99e).

Ich würde nun unterstellen, dass (zumindest in den Geisteswissenschaften) diese Wortfixierung zum Kern des wissenschaftlichen Forschens gehört und ihren Ausdruck findet im Lesen bzw. in (u.a.) semantischen und syntaktischen Analysen des geschriebenen Wortes.

Als Geisteswissenschaftler ist mir erstmal Bestandserhaltung ziemlich egal. (Solange ich irgendwie an den Text komme. — Versteht mich bitte nicht falsch! Bestandserhaltung ist natürlich nicht egal! Aber der Forschenden ist das so egal wie einem Bibliothekar die Siliziumchipherstellung — solange nur OPAC, LBS und ACQ weiterhin funktionieren.)

Die Anzahl der Geisteswissenschaftler, die ein imminentes Interesse an der Typographie, dem Bucheinband, dem Papier, dem Exlibris oder auch nur dem Seitenumbruch haben, ist ziemlich überschaubar. Ersteinmal will ich den Text rezipieren. Wenn ich einzelne Stellen daraus zitieren will, DANN benötige ich das Metadatum der Seitenumbrüche. Aber vorher ist mir das egal.

Was soll das denn nun alles?

Meine Frage ist, warum und für wen Bibliotheken eigentlich digitalisieren? Ehrlich gesagt, glaube ich, dass Bibliotheken sich da nicht richtig klar drüber sind.

Für sich selber? (Bestandserhaltung)

Oder für die Wissenschaft?

Aber dann müsste man doch ersteinmal darangehen herauszufinden, was WissenschaftlerInnen eigentlich wollen und brauchen?!

Mit dem Blick auf mein Interesse an den Texten wollte ich darauf hinweisen, dass das Bereitstellen von Bildern als PDF nicht unbedingt den Anforderungen entspricht, die Wissenschaftlerinnen an ihr Quellenmaterial haben (aus der Perspektive meiner Arbeitsweise zumindest. Berichtigt mich bitte, wenn ich hier falsch liege!).

Mit den PDFs kann man nichts anfangen, wenn man auf den Zug der Digital Humanities aufspringen und Texte/Textcorpora, ohne sie zu lesen, analysieren will.

Mit den PDFs kann man nichts anfangen, wenn man den Text schon gelesen hat und nun nach einer bestimmten Stelle sucht.

Mit den PDFs kann man nur umständlich etwas anfangen, wenn man die Texte nicht auf einem Rechner lesen will, sondern unterwegs. (Und bitte keine Einwände, dass WissenschaftlerInnen nicht unterwegs lesen. DAS IST QUATSCH! Sie lesen permanent — selbst wenn sie im Zug oder Bus oder auf der Toilette sitzen oder am Badesee liegen oder in der Mensa essen!)

DFG Viewer Navigation

Nun, wo ist der Download Button beim DFG Viewer?

Die PDFs herunterzuladen ist mitunter nicht immer eine Freude. Zum einen optimieren nicht alle Bibliotheken die Dateigrößen ihrer Scans, zum anderen muss man auch erstmal den Knopf finden, auf den man drücken muss, um eine Datei zu speichern.

Welchen Mehrwert bieten die Digitalisate unseren Zielgruppen? Sie sind sofort verfügbar, viel mehr aber auch nicht. Wenn ich mit ihnen arbeiten will, muss ich sie ‘hacken’ (die Bilder croppen, um die Ränder loszuwerden; die PDFs ausdrucken; OCR drüberlaufen lassen, Strukturdaten erfassen, zum epub konvertieren, …).

Und welcher Wissenschaftler macht das schon? Freiwillig?

Da nehm’ ich mir dann doch lieber gleich das Original und mach’ meine Notizen und Anstreichungen mit Bleistift. Ich radier’ sie hinterher auch wieder aus! Versprochen!


PS: Ich weiß, dass der Post etwas überzeichnet ist, aber ich stelle mir schon die Frage, wozu wir digitalisieren und ob das reine Bereitstellen von Bildern diesen Namen verdient (manche Bibliotheken bieten immerhin Volltexte mit an, Heidelberg z.B.). Und ich frage mich, ob sich in den Bibliotheken jemand die Mühe gemacht hat, die Bedarfe der WissenschaftlerInnen zu dieser Frage zu erheben?

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One thought on “Digitalisierung! — Aber wozu?

  1. Ich nenn Dich nicht old school, aber Literaturwissenschaftler.

    Eine Beschränkung auf Semantik und Syntax dürfte nur bei einigen bestimmten Fragestellungen funktionieren bzw. auf Sekundärliteratur zutreffen, bei vielen anderen, vor allem historisch arbeitenden ist auch der Kontext wichtig, den die körperliche Manifestation der Quelle darstellt. Deswegen möchte ich die Bilder nicht missen. Auch möchte ich nicht zwei Mal anfangen mit Lesen, ich möchte schon beim ersten Durchgang entsprechende Koordinaten wie Seitenzahlen mitnotieren können.

    Digitalisierung ist kein seit Jahrzehnten gewachsenes Geschäft, sondern eine eher neue Dienstleistung, die aus dem Umfeld des Alten Buches und der Bestandserhaltung kommt. Und man hat sich sinnvollerweise auf das beschränkt, was gut leisten konnte: Abfotografieren und das mit wachsender Qualität. OCR und eBook-Fabrikation waren zu jener Zeit teuer oder Randerscheinungen, gerade für die Materialien mit denen man anfing.

    Nutzen haben auch schon diese einfachen Digitalisate gestiftet: anno 2006 habe ich noch Bibliotheksreisen machen müssen, inzwischen ist bis auf eine Quelle das meiste von damals digitalisiert.

    Sobald es leistbar ist, kann (und wird) man auch über OCR und eBook-Transformation nachdenken und sie in den Workflow einbinden – hierfür muß aber dann die Digitalisierungssoftware entsprechend aufgestellt sein – bei den Eigenbau-Lösungen, die weithin im Bereich Digitalisierung derzeit noch im Einsatz sind, empfiehlt sich so etwas eher nicht, da man das Zeug auch noch warten können will.

    Das Beispiel Heidelberg zeigt auch recht gut die Caveats, auf die man achten sollte: http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/if00245000/0013/ocr
    Solches OCR nützt nicht viel, gleichzeitig ist es nicht schlimm, man kann das in Zukunft ja wiederholen: Technik wird meistens besser mit der Zeit.

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