Der Golem oder: Wie einfach ist die Bibliothek Teil 2

Bücher, Nutzung

Im letzen Blogpost habe ich die Frage nach der Einfachheit, die im OCLC Report aufgeworfen wurde, als bibliothekarische Leitfrage formuliert.
Hier ein kleiner Zwischenwurf bzw. Erfahrungsbericht (aus aktuellem Anlass):

Ich war auf der Suche nach dem Roman Der Golem von Gustav Meyrink.

Meyrink Golem

Der Golem, Illustration von Hugo Steiner (1916)

Der Roman ist 1913/14 als Fortsetzungsroman in der Zeitschrift Die Weißen Blätter erschienen, dt. Erstauflage des Buches 1915. Meyrink ist 1932 gestorben, der Roman also gemeinfrei.

Meine Anforderungen waren:

Ich will wissen, ob das Buch überhaupt elektronisch frei zur Verfügung steht. Wenn dem so ist, will ich das Buch hier und jetzt. Ich will einen ordentlichen, lesbaren Text. Und ich will das Buch geräteunabhängig lesen.

Ich habe zwei Ansätze verfolgt, das Buch zu finden:

1. Amazon

        1. Aufruf der Webseite
        2. Titel eingeben
        3. Auswahl “0,00 Euro Kindle Edition”
        4. “An Timo’s Kindle/iPad/… senden”
        5. Und schon ist das Buch lesebereit wo immer ich es haben will.

2. Bibliothekskataloge

Hier fängt das Problem schon an, wo soll ich beginnen?

  1. Im Katalog der eigenen (Stadt-/Uni-)Bibliothek? Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass gemeinfreie eBooks (keine Fotografien der Printbooks, aka: “Digitalisate”) dort anzutreffen sind?
  2. Oder gehe ich zum KVK? Wenn ich hier nach dem Titel suche (eingeschränkt auf Digitale Medien), werde ich zwar fündig, bekomme aber eine ganze Reihe von Texten aus verschiedenen Katalogen/Suchmaschinen angeboten.
  3. Die kann ich nun der Reihe nach durchklicken und hoffen, dass ich dereinst auf eine Ausgabe treffe, mit der ich etwas anfangen kann. Leider sind nicht alle dort aufgeführten Katalogisate hilfreich:
    1. Die durch Hathi Trust zugänglichen Texte werden nicht zum Download zur Verfügung gestellt, wenn man nicht einer Partnerorganisation
      Text aus dem Internet Archive

      Text aus dem Internet Archive

      angehört.

    2. Die Texte aus dem Internet Archive sind in der mobi/epub-Version nicht lesbar, da die OCR aufgrund der Fraktur des Originals sehr unsauber ist.
    3. Die Deutsche Digitale Bibliothek (sollte das nicht eigentlich die erste Anlaufstelle für solche Fälle sein?) führt mich zu einer von der DNB bereitgestellten ‘Fotografie’, die ich mir online anschauen kann (wenn ich denn den Link zum Digitalisat finde! Aber irgendwann kommt man sicherlich schon drauf, dass ‘persistent identifier’ heißen soll: “Wer gucken möchte, kann hier klicken!”)
    4. Aber auch hier bin ich noch weit davon entfernt, einen lesbaren Text auf meinem eBook-Reader zu haben.

Zurück zur Frage: Wie einfach ist die Bibliothek eigentlich?

In diesem Fall kann man wohl kaum davon reden, dass Bibliothek und Bibliothekskataloge einfach seien.

Amazon ist viel einfacher in der Handhabung. Amazon bietet mehr Inhalte. Amazon bietet die Inhalte in einer nutzbaren Form. Wenn ich künftig auf der Suche nach gemeinfreier Literatur bin, gehe ich gleich zu Amazon und nehme nicht den Umweg über Bibliothekskataloge — die mich ohnehin nicht zum Ziel führen.

Bibliotheken haben noch eine ganze Menge Nachholbedarf, wenn sie auch künftig noch als Anlaufstelle für Bücher von Relevanz sein wollen!

Sorry!

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5 thoughts on “Der Golem oder: Wie einfach ist die Bibliothek Teil 2

  1. Der Vergleich ist berechtigt um einige grundsätzlichen Probleme aufzuzeigen. Darüber hinaus ist er aber nicht korrekt: Bibliotheken kümmern sich praktisch nur um Dokumente, die nicht frei zugänglich sind. Wenn du einen kostenlosen Text suchst, nimm Google o.Ä.. Wenn du einen Text oder ein physisches Dokument suchst, das nicht frei verfügbar ist, sind Bibliotheken die richtigen Anlaufstellen. Dass das Finden von Dokumenten Hauptaufgabe von Bibliotheken sei, ist ein Mythos – es geht primär um das Verfügbarmachen. Bei elektronischen Publikationen heisst dass z.B. Digitalisierung, Erschließung und Bereitstellung von Servern, weniger aber eine einheitliche Suchoberfläche über diese Bestände.

    1. Im Wesentlichen stimme ich dir schon zu!
      Dass Bibliothekskataloge (oder Portale) nicht der primäre Sucheinstieg sind (auch nicht sein sollten) und diese Arbeit von Google (und anderen) sehr viel besser gemacht wird, geschenkt!
      An einem Punkt muss ich dir aber widersprechen: Mit ihren Digitalisierungsaktivitäten machen Bibliotheken seit Jahren gemeinfrei gewordene Texte allgemein zugänglich.
      Und wenn ich mich nicht irre, sollte doch die DDB DAS Portal sein, über das diese Texte (und mehr) zentral auffindbar sein sollten, oder? (Zumindest laut Selbstaussage der DDB: “für jedermann komfortabel”, “zentraler Anlaufpunkt”, “freier Zugang”, “kulturelle Erbe”, “Recherchemöglichkeiten verbesseren” usw., ganz zu schweigen von diesem “deutsche Antwort auf Google Books”-Gedöns).
      Es ging mir in dem Post aber darum, dass Bibliotheken in ihrem Kernfeld – Leser und Bücher zusammenzubringen – Gefahr laufen, für die öffentliche Wahrnehmung obsolet zu werden, da andere Anbieter das Lesebedürfnis sehr viel einfacher befriedigen können.

  2. Ich denke, ich muß in das Schwarz und Weiß einige Grautöne mischen: ich konnte keineswegs leicht das passende eBook bei amazon.de finden. Gab ich “der golem meyrink” oder “der golem” ein, fand ich bei den ersten Malen auf der ersten Seite kein kostenloses eBook, suchte ich nur nach “golem” war’s der zweite Treffer. Dann musste ich aber wissen, daß “Kindle Edition” ein eBook ist. Als ich nochmal herumprobierte, sah ich dann auch bei den anderen Abfragen die kostenlosen eBooks, mir waren sie vor lauter Angaben und Preisen nicht aufgefallen … (intuitiv) einfach oder transparent finde ich das nicht, ich habe halt gelernt die Zeichen zu deuten.

    Ich will dabei keineswegs unsere Suchsituation in Bibliotheken schön reden: sie balanciert häufig an der Körperverletzung entlang und ist nur mit einem gerüttelt Maß an Hintergrundwissen zu verstehen.

    Welche Folgerung kann man aus dem Versuch ziehen? Sowieso frei verfügbares soll ja nur bis zu einem bestimmten Grad katalogisiert werden. Auch weiß ich nicht, ob die Bibliotheken jetzt in die eBook-Produktion einsteigen sollen – die Digitalisierungsprojekte haben meistens eben nicht die Nutzung auf dem eBook-Reader im Blick, sondern hochwertige Digitalisate für die Forschung.

    Also was tun? Gemeinfreies sollte gemeinfrei bleiben, dann gibt es zumindest die Möglichkeit, daß sich freie Projekte der Inhalte annehmen und diese weiterverarbeiten, zB. zu eBooks. Die Öffnung der Datensilos ist auch ein sinnvolles Ziel – von dem ich hoffe, es dereinst erreicht zu sehen. Zarte Hoffnungsschimmer gibt es ja bereits, den Fernleih-Index möchte ich darunter zählen.

    Nicht zuletzt sollte man auch beim Bauen seiner Systeme daran denken, daß die Nutzenden möglichst wenig Hintergrundwissen brauchen, um das Verhalten zu verstehen. Das kann aber auch amazon noch lernen: die Facette zum Filtern von eBooks heißt ja schon “Kindle eBook” und nicht “Kindle Edition”

    1. Du hast natürlich recht, dass auch Amazon durchaus einen Bibliothekar gebrauchen könnte, damit das Clustern und Suchen von Buchmaterialien (und auch sonstigem) stärker dem Finden dient und nicht so sehr den Serendipity-Effekt unterstützt. (Wenn man aber erstmal gefunden hat, was man sucht, dann bekommt man es ziemlich leicht und schnell — und irgendwann vielleicht auch per Drohne zugestellt. Wie war das mit dem Lieferservice der Bibliotheken noch gleich?)
      Zu den Aufgaben und Zielen der Digitalisierung dagegen habe ich eine andere Meinung. — Dazu später noch mehr :o)

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