Vortragen auf Bibliothekartagen

Kommunikation, Konferenzen

Nun ist der Bibliothekartag in Bremen schon wieder einige Zeit vorbei. Die Erinnerungen an Vorträge, Gespräche und Begegnungen setzen sich. Die auf den OPUS-Server hochgeladenen Präsentationen laden zum nachträglichen ‘Nachschmökern’ all dessen ein, was man in der Fülle der Sessions verpasst hat.

Bei dieser Zusammenschau fällt jedoch eines auf: Die Folien sind i.d.R. sehr textlastig.

Entweder bestehen sie ausschließlich aus Aufzählungszeichen (der Powerpoint Grundeinstellung sei dank) oder aus Aufzählungszeichen mit dem ein oder anderen grafischen Element (ein Foto der Bibliothek o.ä.). Das wesentliche Element ist aber zumeist der Text auf den Folien.

Warum diese Textfixierung?

Was sucht der Text auf den Folien?
Was ist die Funktion des Textes?
Was will der Redner/die Rednerin mit dem Text auf den Folien erreichen?

Mir fallen dabei drei Szenarien ein:

  1. Der/die Vortragende soll den Text lesen
  2. Die Zuhörenden sollen den Text lesen
  3. Die Folien dienen der zukünftigen Rezeption

1. Der Teleprompter

Die Situation auf der Bühne ist eine Stresssituation — ohne Frage. Deshalb ist es nachvollziehbar, dass der/die RednerIn etwas zum Festhalten benötigt. Physisch das Pult, und um den Gedankengang nicht zu verlieren die Notizen auf der Folie. Ok.

Traurig ist es dennoch, wenn sich die/der Redner_in hinter dem Pult versteckt. Und wenn man bei der Vorstellung eines Projektes nicht weiß, was man das letzte Jahr über gemacht hat, welche Probleme man damit lösen wollte und welche Erkenntnisse man daraus gewonnen hat, dann kann das Projekt letztlich nicht arg so wichtig sein.

Die eigene Aufregung und Unsicherheit, sowie der enge Zeitrahmen (normalerweise 15 – 20 min) rechtfertigen nicht, dass der Vortragstext (in seinen Grundzügen) auf den Folien steht und diese als Teleprompter fungieren. Denn dann sind die Notizen auf den Folien nicht nur für die/den RednerIn; das Auditorium liest schließlich mit.

2. Der OmU-Film

Ein oft zu hörender Klassiker am Anfang von Vorträgen: “Ich hoffe, man kann das auch hinten noch lesen!?”

Warum sollte man, jedoch, es LESEN können?

Entweder man hört zu (im Idealfall: dem Redner/der Rednerin), oder man liest. Aber beides geht nicht! Der visuelle Reiz (und Text auf Folien ist ein visueller Reiz) ist zu stark, als dass man ihn ignorieren könnte! (Wer einmal versucht hat, einem OmU-Film zuzuhören und bewusst die Untertitel aus der Wahrnehmung auszublenden, weiß wie schwierig das selbst bei hochspannenden Filmen ist.)

Wenn zudem die Hauptaussagen des Vortrags bereits auf den Folien stehen, kann man sich die Rolle des Redners/der Rednerin eigentlich sparen. Lesend Text zu rezipieren geht viel schneller, als gesprochenem (oder vorgelesenem) Text zuzuhören. Das hat zwar den schönen Nebeneffekt, dass man als “Zuhörer_in” — weil man den Text der Folie schon längst gelesen hat — den Vortragenden nicht mehr zuhören muss und so Zeit hat, das Gelesene zu tweeten oder via Twitter Vorträge aus anderen Sessions zu verfolgen. Nichtsdestotrotz ist es verschwendete Lebenszeit, in 20-minütigen Vorträgen zu sitzen, deren Informationsgehalt man verlustfrei in fünf bis zehn Minuten lesend aufgenommen hätte.

3. Das Handout

Ein Argument dafür, die Hauptaussagen auf die Folien zu schreiben, ist, dass diese dann direkt nachnutzbar sind zum Upload auf den OPUS-Server. Damit wird nicht anwesenden KollegInnen ermöglicht, den Inhalt der Vorträge auch später noch zur Kenntnis zu nehmen.

Aber sowenig Folien die Funktion eines Teleprompters haben, sowenig sind sie Handouts, sondern Hilfsmittel der mündlichen Kommunikation. Handouts sind eine andere Literaturgattung für eine andere, für eine asynchrone schreibend-lesende Kommunikationssituation.

Es gilt, wie oben gesagt: Wenn der Inhalt des Vortrags annähernd verlustfrei aus den Folien allein hervorgeht, bedarf es der langwierigen mündlichen Kommunikation des Vortrags nicht mehr. Man kann freilich die Präsentation so für die spätere Lektüre nachbereiten, dass die wesentlichen Inhalte vermittelt werden können, etwa durch PDFs, die sowohl die Folien als auch die Notizen enthalten, oder indem man die Vortragsfolien zu Slidedocs umgestaltet (was jedoch recht aufwändig wäre).

Vortragsfolien dagegen sind Hilfsmittel für eine mündliche, unmittelbare, synchrone Kommunikation. Da es Sinn und Zweck von Kommunikation ist, einen Austausch statthaben zu lassen, müssen Folien gestaltet werden im Bestreben, dieses Kommunikationsgeschehen zu unterstützen (und nicht es zu ersetzen).

Aber nicht nur die Folien. Noch so gut gestaltete Folien ermöglichen keine Kommunikation, wenn die Redner/innen sich nicht zu Anfang über das Zentrum der Kommunikation klar geworden sind.

Es geht um die Zuhörenden, nicht um die Redenden

Ist es wirklich notwendig, ersteinmal die eigene Institution vorzustellen? Ist es wirklich wichtig für das Thema, dass die Zuhörenden wissen, dass die Hochschule soundsoviel Studentinnen, soundsoviel Mitarbeiter, die Bibliothek soundsoviel lfd m Freihandbestand und soundsoviel Computerarbeitsplätze usw. usf. hat? Wenn dies alles wirklich zentral für das Verständnis ist, kommuniziert man den Zuhörenden, dass das Thema nicht auf andere Institutionen mit anderen Rahmenbedingungen übertragbar ist — und dann kann man eigentlich auch auf die folgenden 20 Minuten verzichten.

Ein Vortrag muss nicht immer mit einem “Call to Action” enden, aber er sollte sich auch nicht in der reinen Beschreibung eines Projektberichts erschöpfen. Die Leitfrage sollte immer sein:

“Warum sollten sich andere für dieses Thema interessieren? Wie kann das, was ich sage/was unsere Bibliothek macht, anderen helfen, ihre Probleme zu lösen?”

Es hilft, diese Frage am Anfang und am Ende der Vortragsvorbereitung explizit zu stellen und zu überprüfen, ob man mit dem Vortrag eine Antwort darauf geben kann.

Wenn man das nicht kann — dann heißt es “back to square one” und mit dem Vortrag noch einmal ganz von vorne anzufangen. Das sollten uns unsere zuhörenden Kollegen und Kolleginnen wert sein!


Wer sich mehr dafür interessiert, Vorträge besser zu machen, dem/der seien die Bücher von Garr Reynolds (Presentation Zen) und Nancy Duarte (Slideology) empfohlen.

Nota bene: Auch heute kann es noch von erheblichem Gewinn sein, sich gelegentlich Kurt Tucholskys Ratschläge für einen schlechten Redner vorzunehmen. Diese gelten auch noch in Zeiten von Powerpoint und Prezi — vielleicht sogar mehr denn je!

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